Archiv für den Monat Januar 2009

aphoristisch anmutende alltäglichkeiten #1

ankuendigung: ich moechte ein – zumindest fuer dies mein blog – neues format einfuehren. naemlich die aphoristisch anmutenden alltaeglichkeiten, also splitter im medialen rauschen, die mindestens mich zum denken anregen, die ich in kurzen paragrafen festhalten und verarbeiten moechte. das vor allem deswegen weil mir klar ist, dass twitter mit seinen 140 zeichen hierfuer ein wenig beschraenkt ist und meine blogeintraege bisher immer recht lang waren, was in erster linie einem gewissen (pseudo)perfektionismus geschuldet ist. wow. pseudoperfektionismus gefaellt mir. haha.

1. google laesst die pole schmilzen
einen aspekt unseres digitalismus, den ich bisher so nicht gesehen habe hat der harvard-professor alex wissner-gross nun ins oeffentliche bewusstsein gehoben: googlen verursacht co2. eine typische suche (aus mehreren versuchen und variationen) verursache etwa 7g co2, behauptet wissner-gross; google stellt klar, dass eine einzige anfrage 0,2g co2-ausstoss bedeute. freilich deutlich oekologischer als eine fahrt in die bib; gleichwohl: die etwa 100 mio. suchanfragen (dtld/tag) kaemen damit 168.067 prius-km gleich (20 mio / 119). interessant. achja, und geschaetzen 12 mio euro gewinn fuer google.

2. perus degoutanter duft der freiheit
meine bayerischen wurzeln und momentane situation lassen eigentlich keine andere wahl: die jobjagd muss mich nach peru fuehren, denn dort ist trunkenheit waehrend der arbeit ganz offensichtlich kein kuendigungsgrund mehr. so zumindest entschied das dortige oberste gericht zu gunsten eines straßenreinigers. das natuerlich stellt mich vor die herkulesaufgabe, mich fuer oder gegen alkoholismus en las calles de lima zu entscheiden.

3. obamas passivität
ein wenig verstoert hat mich diese fast schon dekadente weihung des amerikanischen „buergerkoenigs“ (kongenial diefuerther nachrichten heute) schon. zumal in anbetracht der seltsamen passivitaet obamas in den letzten wochen. nun wirkt seine antrittsrede auf mich wieder deutlich zahnloser als die euphorische „yes, we can“ rhetorik des wahlkampfs. so sagt er bspw. „we have chosen hope over fear“, eine formulierung, die mich irritiert, ist hoffnung doch ein sehr passiver begriff, der fuer mich ganz klar im widerspruch zu tatkraeftiger, muendiger und optimistischer eigeninitiative steht. ding, die in „yes, we can“, dem wohl genialsten claim aller zeiten in so vortrefflich froehlicher weise steckten. ich denke, ich werde dazu spaeter mehr schreiben.

4. unfassbare stumpfsinnigkeit
was da letzte woche in duisburg passiert ist laesst mich nur staunen. staunen ueber die meinetwegen bekannte sensibilitaet deutscher polizei bei demonstrationen. eine sensibilitaet, die wohl nur durch einen voellig besoffenen elefanten am junggesellenabschied uebertroffen werden kann.
dennoch: das abhaengen israelischer flaggen durch deutsche polizisten zeugt von einer stumpfsinnigkeit, dass es mir fast den atem raubt. da werden tatsaechlich privatwohnungen gestuermt, um eine landesflagge aus dem fenster zu entfernen, wohl um den wuetenden mili goerus demonstrations-mob zu besaenftigen. chamberlaineskes appeasement par excellence. dreifach dumm, widerlich und inakzeptabel: in anbetracht unserer geschichte, aus respekt gegenueber anderen nationen (hier: klar auch gegenueber eine anderen religion) und im sinne der  freiheitsrechte.
und da ist es aus meiner sicht erst einmal voellig gleich, was sich israel derzeit fuer grauenhaftigkeiten leistet.

5. was schoenes gefluegeltes zum schluss
was fuer eine wundervolle lakonik (via harper’s weekly) fiel da waehrend eines gebets der obama familie. zusammengesetzt aus zwei ungenannten quellen („one boy“ und „another“ 😉 ):

„Martin Luther King walked so that Barack Obama
could run,“ – „Barack Obama ran, so that all children could fly.“

in diesem sinne: lets fly und schoenen tag noch.

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israels dunkler seelenzustand?

in diesem text moechte ich eine sehr dunkle, aber moegliche seelenlage in der israelischen politik beleuchten. bewusst will ich nicht zu jedem argument contra israel eines auffuehren, das den schwarzen peter wieder zu den palaestinenser schiebt.

immer naeher rueckt eine deprimierende vermutung, naemlich die dass all zu viele machthaber zur ueberzeugung gelangt sind, der israelische traum, eine juedische heimstatt im eigentlichen mutterschoß der juedischen kultur zu errichten, sei nur ueber die ausradierung des palaestinensischen staates zu verwirklichen. derartige vorstellungen, die uri avnery als ergebnis „moralischen irrsinns“ beschreibt,  moegen nicht explizit vorliegen, doch scheint mir als laege diese idee der aktuellen vorgehensweise zu grunde.

wenn es naemlich, wie herb keinon in der jerusalem post analysiert – wahr ist, dass ein strategisches hauptziel dieser aktion war, anarchie im gaza-streifen zu schaffen – und dafuer spricht sehr vieles -, dann ist diese ganz sicher dem misthaufen der barabarei entwachsen.
die keimzelle fuer aehnlich fragwuerdige bis widerliche maßnahmen wie bspw. der 18 monate waehrenden blockade, also der kollektiven bestrafung eines volkes, die zu einer „paralysierung“ der gesellschaft und hin zur humanitaeren krise fuehrte.
auch der heute unilateral verkuendete waffenstillstand passt exakt in diese art des denkens, dass naemlich eine loesung nur im alleingang und keinesfalls unter ruecksichtnahme auf das palaestinensische volk zu finden sei.

israel, so graut es mir, scheint sich tatsaechlich in einer sackgasse zu befinden. eine situation deren vermeintliche ausweglosigkeit zu einer sukzessiven radikalisierung der gemueter und mithin der entscheidungen fuehrt. diese prekaere situation und das damit keimende gedankengut hat mindestens drei hautpwurzeln.

einmal eine innenpolitische. der interne konflikt ist deutlich dargestellt durch die schwierige siedelerfrage. was tun mit diesen siedlungen, die voelkerrechtswidrig seit der 67er offensive existieren und sich ausbreiten? aus dieser inneren zerrissenheit ergibt sich eine weitere folge, naemlich die aeußerst geringe bereitschaft der israelischen bevoelkerung, eigene opfer dieses krieges hinzunehmen. ein umstand, der zu einer grausamen doktrin fuehrte. baraks plan scheint zu sein: um eigene verluste zu vermeiden ist jedweder widerstand maximal zu zerstoeren.

die naechste wurzel ist eine tiefe skepsis gegenueber der arabischen welt, welche sich in der frage ausdruecken ließe: wollen diese leute ueberhaupt einen fairen frieden? diese skepsis wird nochmals emblemhaft in der grundsaetzlichen ablehnung der demokratisch gewaehlten regierungspartei (und freilich verabscheuenswuerdigen terrororganisation)  hamas dargestellt.

die dritte wurzel ist das problem der anklopfenden demografie. israel steht hier eben vor der entscheidung einen vernuenftigen und lebensfaehigen staat palaestina zu akzeptieren oder ueber kurz oder lang, minderheit im eigenen lande zu sein. tja, oder.. ich moechte es gar nicht aussprechen, aber eine weiter, ekelhafte folgerung waere moeglich: die palaestinenser maximal zurueckzubomben. das wort genozid koennte hier auftauchen.
in der arabischen welt, soweit mein eindruck aus gespraehcen und kontakt mit arabern dort, vornehmlich in der golfregion, bestaetigt, ist das ohnehin desastroese israel-image noch weiter abgestuerzt und selbst solche geschmacklosigkeiten wie nazi-vergleiche werden immer lauter und ernsthafter geaeußert.

mich stimmt diese analyse traurig und man kann nur hoffen, dass es von irgendwo vernunft und vernuenftigen menschenverstand regnet. vom vor kurzen noch quasi als erloeser gefeierten obama kommt bis dato gar nichts und seine aeußerungen zum thema guantanamo lassen da auch keine großartigen hoffnungen auf eine vernuenftige „change“-politk aufkommen.

arme welt.

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brot und wasser in zement gießen

sonderlich ueberraschend ist es wohl nicht, dass unsere momentane finanz- bzw. vertrauenskrise sich als groeßter und spendabelster samariter deraller zeiten hervor tut. da sind natuerlich die finanzhaeuser, die wie die citibank knapp 18 mrd. $ verluste mit etwa 45 mrd. $ an staatlichen subventionen gegenrechnen koennen. dass so etwas auch die realwirtschaft trifft ist klar und so bettelte auch die autoindustrie erfolgreich um staatliche unterstuetzung, so dass man auch weiterhin die grandiose strategie verfolgen kann, spritfressmonster zu produzieren und (nicht) zu verkaufen. dann kam die pornoindustrie, die fast schon satirisch anmutend um mittel zur befriedrigung von gewissen beduerfnissen warb.
all dies nehme ich zaehneknirschend hin – ablage menschlicher opportunismus.

die neuesten staatsbestrebungen halte ich allerdings fuer hoechst merkwuerdig. mag sein, dass mir der bittere geschmack des britischen notfallplans zur rettung der generation crunch gebeutelten hochschulabgaenger/jobsucher 2008/09 besonders sauer aufstoeßt, da ich davon ja indirekt betroffen bin, aber nichtsdestotrotz ist und bleibt die initiative mindestens zwielicht. zur vermeidung von arbeitslosigkeit ist da nun also ein „internship scheme“ geplant, „to give them an opportunity to gain real experience of using their skills at work, and give them the best chance of showing employers what they can do“. soweit ich das sehe haben die meisten von uns das schon all die jahre getan. wertschoepfung fuer einen hungerlohn.
nicht, dass man mich falsch versteht: ich halte die installation praktikum fuer eine absolut gute sache fuer beide seiten, insofern ein vernuenftiges paket geschnuert wird, das nicht nur aus der arg interpretativen komponente „erfahrung sammeln“ besteht.

was aber gerade in england passiert scheint mir nichts anderes als der versuch, einstiegsgehaelter auf 10k pfund zu reduzieren. angeheizt durch den staat wird die generation praktikum nun also zur generation crunch weiterentwickelt und das leben im prekaeren halbzustand auf die zeit nach der krise verlaengert – oder endet am sankt nimmerleinstag. passend hier natuerlich die meldung von barclays, einem teilnehmer des programms, nun 2100 leute zu entlassen.

zugegeben, es ist leicht ueber solche ansaetze, die ja – nochmal zugegeben – den richtigen weg im grundsatz verfolgen (naemlich zeit gegen erfahrung zu tauschen anstatt verwahrlosung) zu laestern und sich zu mokieren und einen patentvorschlag habe ich leider auch nicht parat. gleichwohl: wenn der staat sich in puncto absolventenfoerderung einsetzen moechte, dann doch bitte, um einen fairen ausgleich zu shcaffen oder zumindest einen einigermaßen herrschaftsfreien dialog zwischen absolventen/studierenden und unternehmen zu schaffen. so hingegen wird die gaengige praxis nur weiter zementiert.